Bloody Memory
April 1998
Liebe Freunde der Kunst,
ich erlaube mir, Sie zu einer exklusiven Vernissage einzuladen, in der das Thema Gewalt, Angst und Trauma als Erinnerung an einen Krieg im Mittelpunkt steht.
Es werden Arbeiten ausgestellt, die sich mit Erinnerung, Schuld, Glaube und dem Überleben in den vergangenen Jahrzehnten auseinandersetzt.
Körper sind Träger von Erinnerungen, wobei die Grenzen zwischen Täter, Opfer, Sündiger und Heiliger oft unangenehm verschwimmen. Bloody Memory versteht sich nicht als Anklage, sondern als stille Reflexion über das, was bleibt, wenn der Lärm verhallt.
Die Vernissage findet in einem geschlossenen Rahmen, am 25.04.1998, statt, daher wird Ihnen im Laufe der nächsten Tage ein geheimes Codewort mitgeteilt, das Sie und eine Begleitperson zum Eintreten berechtigt.
Bitte beachten Sie, dass exzellente Abendgarderobe obligat ist.
„Some memories are written in ink. Others in blood.“
Salinda Arenberg
Die Kunstgallerie:
Die Kunstgallerie, die ein Teil der Arenberg Stiftung für Kunst und Kunstschaffende, ist liegt in einer Seitenstraße Dublins. Die grellen Neonlichter und lauten Pubs sind hinter mehreren Ecken verschwunden, wenn man zur Chancery Lane 101 geht. Dort findet man sich nach wenigen Schritten vor einem beinahe unscheinbaren Backsteingebäude wider, deren Risse in der Fassade von alten Geschichten erzählen. Nur das Licht, welches durch die verdunkelten Fenster fällt, lässt erahnen, was im Inneren vor sich geht.
Tritt man ein durch die lieblose Metalltür, hinter der zu besonderen Anlässen selbstverständlich ein Türsteher positioniert ist, befindet man sich nach einem kurzen Flur in einer Art großen Lagerhalle, die mit ihren hohen Decken imponiert. Von innen erinnert kaum noch etwas an den Minimalismus, den man anhand des Äußeren erwarten würde. Nachdem viel Geld in die Sanierung dieser Halle geflossen ist, besticht sie nun mit einem Holzfußboden, der beinahe alle Schritte erstickt und edlen Wand- und Deckenlampen, die die Arenberg extra aus Italien hat importieren lassen.
Damit nicht alles auf einen Blick ersichtlich ist, werden die einzelnen Bereiche mit dicken dunkelblauen Samtvorhängen voneinander abgetrennt. Es ist ein Ort, der gleichermaßen Schutz, wie Offenbarung bietet. Ein Ort, an dem die Dunkelheit dem hellen Tageslicht gegenüber bevorzugt wird. Die Türen, die am Rand der Ausstellung auf weitere Zimmer verweisen, sind ebenfalls mit dunklen Vorhängen abgedeckt und größtenteils abgeschlossen. Lediglich der Ein- und Ausgang für die Servicekräfte ist begehbar, wird jedoch kaum Interesse wecken.
Die Ausstellung:
Die Vernissage der Arenberg widmet sich einzig und allein der Kunst junger Frauen, deren Namen viel zu leise durch die Szene hallen. Einige von ihnen sind noch gänzlich unbekannt, wieder andere sind nur absoluten Kennern mal über den Weg gelaufen. Außerdem ist auch ein Werk ihrer eigenen Tochter, Mara Arenberg, dabei.
Gemälde hängen an den nackten Backsteinwänden, die meisten davon mit Ölfarben gezeichnet. Manche zeigen weibliche nackte Körper, weniger idealisiert, als natürlich und in voller Stärke. Oft ist das Thema Gewalt in der Kunst zu finden, entweder richtet sich diese Gewalt gegen die Frau oder aber sie hat diese Gewalt überlebt und besiegt, ist als Königin am Ende hervor gegangen. Außerdem hängt auch ein Gemälde an der Wand, das in etwas abstrakterer Form die Initiatorin der Vernissage zeigt. Es ist ein Werk des Künstlers Tidus Rosecrans und wurde erst wenige Tage zuvor fertig gestellt. Auf dem bemalten Holz sind kantige Gesichtszüge und eine Robe in weiß und schwarz zu sehen, außerdem prangt auf dem blonden Schopf der Frau eine große silberne Krone. Es fällt dem Betrachter nicht sofort ins Auge, dass das Salinda Arenberg sein soll, doch wenn man genauer hinsieht erkennt man durchaus gewisse Parallelen.
Zwischen den Gemälden, die thronend auf die Besucher hinabstarren, hängen deutlich kleinere schwarzweiße Fotografien. Hier sind der eigenen Fantasie kaum Grenzen gesetzt, es gibt kleinere Ausschnitte von weiblichen Körpern, andererseits jedoch auch verzerrte Objekte und doppelte Konturen, sodass eine klare Identifikation kaum möglich ist.
In der Mitte des Raumes steht eine Glasskulptur, die jedoch nicht von jedem Punkt aus gesehen werden kann. Auch hier muss man erst um die Samtvorhänge herum gehen, bis man die volle Pracht dieses Körpers in sich aufnehmen kann. Es ist eine Skulptur ohne Kopf, wobei nicht festgelegt ist, ob sie nie einen hatte oder ob sie ihn verloren hat. Um die Skulptur stehen viele Kerzenstände herum, die ihr flackerndes Licht auf das Glas werfen, sodass eine regelhafter Lichtertanz auf den dunklen Vorhängen drum herum entsteht.
Shortfacts: